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Wenn alles anders kommt als gedacht...

Wenn...

- man wie immer liebgewonne Gleichgesinnte trifft
- man sich gleich wieder wie zuhause fühlt
- die sich selbst gesteckten Kilometerziele nicht erreicht werden
- unerwartete Blasenprobleme auftreten, und dies dann auch noch zu einem sehr frühen Zeitpunkt
- die Stunden nicht verrinnen wollen und jeder Meter zur Qual wird
- man mehrfach über eine Aufgabe nachdenkt
- man wieder einmal alles erträgt und gibt, ja sogar erneut über sich hinaus wächst
- man trotzdem noch aufmunternde Worte für Andere hat und selbige entgegen gebracht bekommt
- trotz allem dann noch sehr gute Platzierungen dabei heraus kommen und man völlig unerwartet auf dem Podest landet
- man von den eigenen Emotionen tief ergriffen ist
- sich mit und für Andere freuen kann...
- der Schmerz geht und der Stolz bleibt

ja dann ist wieder ein 24 Stundenlauf - diesmal ausgetragen rund um den Wasserturm in Reichenbach, im Rahmen der Deutschen Meisterschaften der DUV.

Tags zuvor:


Bereits tags zuvor kamen wir dort an, holten die Startunterlagen ab, trafen, wie immer, jede Menge bekannte Gesichter und inspizierten schon einmal die Strecke. Und eines war mir dann da schon klar, es würde 3 Stellen geben, die es in sich haben würden. Die leichte Steigung nach dem Stadion zum einen, und der Gehweg in der Turmstraße zum anderen, da dieser erstens schräg verlief, und zweitens der jeweilige Auf- und Abstieg nicht sehr einfach sein würde (ebenfalls sehr schräg und stolprig).
Anschließend fuhren wir nach Zwickau und bezogen dort unser Nachtquartier.

Vor dem Start:

Nachdem wir recht gut geschlafen, lecker gefrühstückt und den Weg zurück nach Reichenbach gefunden hatten, trafen wir im dortigen Stadion gegen 7:30 Uhr ein und fanden einen wunderbaren Parkplatz direkt an dessen Eingang. Es herrschte schon reges Treiben, welchem wir uns natlos anfügten und meinen Selbstversorgungstisch gegenüber der überdachten Tribühne aufbauten. Hier deponierten wir auch alles, was ich während der nächchsten 24 Stunden glaubte zu brauchen. Natürlich auch Decken, Schlafsäcke und Stühle für meinen  Schatz, der mich die ganze Zeit betreuen sollte. Nach und nach trafen immer mehr Teilnehmer ein und es war wie immer, ein einziuges "Hallo". Gegen 9 Uhr machte ich mich dann so langsam "Lauffertig", schmierte mich überall dick mit Vasiline ein, zog die geplanten Laufklamotten an und wenig später fand dann auch das "Briefing" für alle Teilnahmer  im Startbereich statt.

Reichenbach2011- (2)

Nur Minuten später dann das Übliche, jeder wünschte jedem noch einmal alles Gute, verabschiedete sich von seinen Betreuern und schon ging es los, ...

Reichenbach2011- (1)

Der Lauf:

Alles begann sehr gut, schon fast zu gut, ich schlug ein gemütliches 5:45er Tempo ein und der Puls blieb die ersten 2 Stunden prima unter 120, alles wie geplant. Alle 3 Runden nahm ich einen großen Schluck Selbstgemixtes sowie einen Becher Cola, Iso oder Tee zu mir. Auch Kartoffel- und Apfelstückchen sowie ab und an ein Stück Banane, aber auch Fettbrot fanden in regelmäßigen Abständen ihren Weg in meinen Verdauungstrakt - auch das alles wie geplant. Es schien zu laufen...

Reichenbach2011- (3)

Doch nach etwa 2 Stunden fing der Puls, warum auch immer, mehr und mehr an zu steigen, und das, obwohl ich sofort reagierte und das Tempo etwas heraus nahm. An der Temperatur kann es auch nicht gelegen haben, denn die war geradezu perfekt. Auch bemerkte ich, dass ich außergewöhnlich stark zu schwitzen gegann, was mich auch etwas beunruhigte. Also ließ ich mir bereits nach etwa 3 Stunden von meinem Schatz die erste Salztablette geben. Vom Kopf her stimmte aber noch alles und in meinen Gedanken lief ich sowieso nicht die 1,97 Km langen Runden rund um den Wasserturm hier in Reichenbach, sondern virtuell noch einmal den Thüringen Ultra 100 Meilen ab! Das klappte auch ganz gut und half dann prima über die doch etwas aufkommende Monotonie hinweg zu kommen.
Nach etwa 4:05 Stunden war dann auch schon der erste Marathon geschafft, alles voll im Plan! Doch der Puls stieg weiter an und lag bereits jetzt über 130, viel zu hoch für mich. Also nahm ich weiter das Tempo etwas heraus, allerdings ohne Erfolg, der Puls stieg weiter an.
Die 50 Km-Marke passierte ich dann nach etwa 4:50 Stunden, nahm aber weiterhin etwas Tempo heraus. Aber alle Mühen nutzen nichts, wenn ich hier nicht tierisch eingehen wollte musste er Puls herunter, denn bei 135 Schlägen/ Minute bedeutete das eine stündliche Kalorienrate von etwa 900 Kcal, und das würde ich auf keinen Fall 24 Stunden durchstehen können. Also legte ich schweren Herzens bereits nach 64 Km bzw. 6:15 Stunden eine 2 - ründige Gehpause ein, die ich auch zum ausgiebigen Stärken nutzte. Als ich dann wieder anlief konnte ich mit der Zeit auch fast wieder die alte Pace laufen und der Puls blieb wunderbar unter 120 Schlägen, perfekt! Oder doch nicht? Denn bei Km 70 stach es fürchterlich am rechten kleinen Fußzeh was mir unwiderruflich klar machte, die erste Blase war schon da und ist gerade geplatzt! Das darf doch nicht wahr sein, in Thüringen 3 Wochen zuvor nichts, gar nichts, und jetzt und hier hatte ich bereits so früh damit zu kämpfen, wie sollte das noch weiter gehen...

Reichenbach2011- (4)

Nach etwa 7:20 Stunden war ich dann gedanklich bereits in Sondra (Thüringen Ultra), das hieß, ich hatte 71 Km erreicht und war somit 1:40 Stunden schneller als noch vor 3 Wochen. Aber die Blasen....
Den 2. Marathon beendete ich dann nach etwa 8:45 Stunden, klar, etwas langsamer als geplant, musste ich ja bereits Puls bedingt die erste Gehpause einlegen. Oder kam das Blasenproblem durch das gehen, wäre es besser gewesen ganz langsam weiter zu laufen, ich weiß es nicht...
Die Zeit verging wie im Fluge, und die Blasen wurden mehr und schlimmer! Jetzt gesellten sich auch am rechten Fußballen Blasen dazu, und auch der große Zeh blieb nicht davon verschont - und das nach nicht einmal 100 Km! Das konnte ja noch was werden...
Nach 10:59 Stunden waren dann die ersten 100 Km abgespult und ich virtuell somit auf der Ebertswiese und 2,5 Stunden schneller als beim THU, aber ich fragte mich schon jetzt, wie das noch 13 Stunden weiter gehen sollte. Mehr und mehr musste ich Gehpausen einlegen, zum kotzen, die Kraft war da, der Puls wieder in Ordnung und jetzt so ein Mist! Es war zum heulen....Aber auch andere Läufer schienen immense Probleme zu haben und so stellte ich auf einmal fest, dass ich doch tatsächlich bereits an der 4. Position in meiner Altersklasse M40 geführt wurde.
Die Kilometer zogen sich jetzt doch zunehmend, die Zeit wollte nicht vergehen und es wurde Nacht....die Dunkelheit zog über uns. Das einzige, was mich noch einigermaßen aufbauen konnte, war mein Schatz - und mein iPod. Und wieder musste ich Gehpausen einlegen, wusste schon fast gar nicht mehr, wie ich überhaupt noch auftreten sollte. Zu allem Überfluss gesellten sich jetzt auch noch an den gleichen Stellen wie am rechten, nun auch am linken Fuß zahlreiche Blasen hinzu, die alle samt ab und an mit einem stechenden Schmerz platzten, welch eine Folter...
So kam es dann, dass ich für die folgenden 13 Km fast 2 Stunden brauchte. Und dennoch, gegenüber dem THU war ich nun fast 3 Stunden schneller - aber was sollte das bringen, konnte ich doch keinen Profit daraus schlagen. Die virtuelle Welt brach nach und nach unter der Last der Schmerzen zusammen, und so kam es dann, dass ich mich anfing schon jetzt von Runde zu Runde zu quälen und maximal 5 Km-weise zu denken.
Nach 14,5 Stunden war dann auch der 3. Marathon geschafft und ich viel aus allen Wolken als ich sah, dass ich mittlerweile auf dem 2.Rang der M40 geführt wurde. Hä, wie ging das denn? Hinter mit waren da nur Gernot Herferich, ein guter Laufbekannter, der die Bärenfelsläufe mit organisierte und die ganze Zeit zuvor deutlich vor mir lag, und Günter Thieme, der gerade einmal 3,5 Km hinter mir lag. Alle aderen waren bereits jetzt zu weit weg. Und mir ging es so sch..e.....
Also was sollte ich tun? Eigentlich war mein Minimalziel das erreichen der 100 Meilen in unter 20 Stunden und das überschreiten der 180 Km-Marke. Aber in meinem Zustand erschien mir das alles völlig unmöglich.
Ich konzentrierte mich also auf Günter Thieme, lief immer dann, wenn auch erlief und versuchte dann sogar noch eine Runde dran zu hängen, um den Vorsprung weiter auszubauen. Gernot sagte ich, dass er auf Rang 3 liegen und es sich lohnen würde zu kämpfen. Ihm ging es aber auch nicht gut, musste ebenfalls oft gehen, ja sogar kurz pausieren, sodass wir einige Runden zusammen unterwegs waren. Wir hatte tolle Gespräche, für die ich ihm sehr dankbar bin. Dann war mal er etwas schneller, mal ich, aber wir feuerten uns immer und immer wieder an, sprachen uns Mut zu und versuchten dem anderen Kraft zu geben. Auch Günter schien es schlecht zu gehen, und auch er konnte, entgegen unserer Befürchtungen, nichts mehr zulegen.
Zwischendurch sah ich auch andere Läufer leiden, so auch Margitta, die immer und immer wieder mit ihrer Verdauung zu kämpfen hat, echt ätzend! Sie erklärte sich sogar bereit meine Blasen zu versorgen, was ich aber nicht wollte, wofür ich ihr aber unglaublich dankbar bin und ihr das niemals vergessen werde!
Die Zeit verging im Schneckentempo, und ich kam nur in selbigem vorwärts, 24 Stundenlauf, LAUF, schön wär´s gewesen! Die Kraft war da, aber jeder Schritt wie ein Messerstich, links wie rechts. Aber es ging weiter, immer weiter, wobei ich mir schon des öfteren überlegt hatte, einfach auszusteigen. Aber hey, ich stand auf Platz 2, bei einer Deutschen Meisterschaft, ein Podestplatz war so gut wie sicher, ich musste "nur" durchhalten! Mir war es egal ob Platz 2 oder 3, Gernot hätte ich das genauso gewünscht wie mir, dafür waren wir zu lange schon gemeinsam unterwegs und hatten uns unterstützt, aber der 3. musste und sollte es nun schon werden, eine solche Chance würde ich niemals mehr bekommen.
Also ging es weiter, immer weiter, durch die Nacht, und die aufkommende Kälte. Ich zog mir das lange Shirt sowie die Weste, die Jacke und die Handschuhe an, die mir mein Schatz auf meinen Wunsch hin zurecht legte. Was würde ich nur ohne sie tun...wenig später schlief sie ein paar Stunden, tief vermummelt in die Decke und die 2 Schlafsäcke, ach Schatz, ich liebe Dich!
Die 18. Stunde begann und das Laufen war nun absolut unmöglich. Doch mein und Gernots Vorsprung vergrößerte sich dank unseres sehr flotten Ganges, sodass ich mittlerweile 7,8 und Gernot etwa 4,7 Km Vorsprung gegenüber Günter hatte. Auch wenn es uns schwer viel - wir feuerten uns weiter gegenseitig an.
Nach 19:58 Stunden waren die 100 Meilen, also 160 Km geschafft und mir schossen kurz der Schmerzen die Tränen ins Gesicht, die 100 Meilen in unter 20 Stunden, in einem solchen Zustand, nicht schlecht, dachte ich und es kam erstmals seit langem Freude auf. Aber noch 4 lange quälende Stunden....unfassbar.

Reichenbach2011- (5)

Mein Schatz machte sich Sorgen um mich, sah mich leiden und ging ab und an eine Runde an meiner Seite, was mir unglaublich gut tat.  Sie einfach nur bei mir zu wissen war in diesem Moment einfach alles....
Nach 21 Stunden hatte ich etwa 165 Km geschafft, 11 Km Vorsprung auf Günter und 6 Km auf Gernot herausgelaufen. Wenn ich jetzt noch 2 ultralange Stunden durchhalten würde, wäre mir eine Medaille sicher, und, ich würde sogar eine neue PB erreichen. Also trieb ich mich weiter und weiter an, Schritt für Schritt, Meter um Meter und schaffte nach 22 Stunden die 170 Km.- Marke! Gernot legte auch einen Zahn zu, sodass er nur noch etwa 3 Runden Rückstand auf mich hatte. Wir gingen wieder eine Runde zusammen und beschlossen, nach allem was wir hier gemeinsam erlebt und durchgemacht hatten, rundengleich zu werden und uns die Silbermedaille zu teilen. Klar hätte ich noch die 180 Km-Marke knacken können, aber wozu? Mir war das gemeinsame Finish mit Gernot wichtiger, und so machte ich nach Vollendung der 147. Runde und meinem 177. Kilometer, nach fast genau 23 Stunden, eine 50 minütige Pause, damit Gernot aufholen konnte.

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Ich kontrollierte nochmals alles, nicht das wir uns verrechnet hatten, und dann war es auch schon soweit, die letzten 10 Minuten wurden eingeläutet und Gernot kam ums Eck. Ich trank meinen Kaffee aus, den mir mein Schatz besorgt hatte, stand auf, holte gemeinsam mit meinem "treuen Begleiter" die Markierungsmarke beim Kampfrichter ab und ging in die letzte Runde!

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Gernot und ich überliefen die Rundenmatte, ließen uns von Meli mehrfach fotografieren und gingen die letzten Meter Arm in Arm, bis von 10 herunter gezählt wurde. Auch Gernots Frau Silke gesellte ich noch dazu, sodass wir sie in unsere Mitte nahmen und nach exakt 24 Stunden gemeinsam stehen bleiben, uns um die Arme vielen, gratulierten und unsere drei Marken an exakt die gleiche Stelle setzten.
Schluß, aus und vorbei - es war überstanden und vollbracht!
Damit auch mit der Restmetervermessung nichts schief gehen konnte warteten wir noch auf den Meßtrupp, der dann für jeden von uns die gleichen Restmeter notierte.

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Nach dem Lauf:

Ob das jetzt eine Absprache und erlaubt war oder nicht, dieser Lauf hatte keinen 2. und 3. Platz verdient, und nach alle dem, was Gernot und ich gemeinsam erlebt und durch gemacht hatten, sowieso nicht. Nein, es war mir wichtig, mit ihm gemeinsam das Ding nach Hause zu bringen, pfeif auf ein paar Kilometer mehr oder weniger, das ist nicht alles! Das war ein tolles Gefühl und ein ganz besonderes Erlebnis, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Wie gesagt, gemeinsame 14 Stunden prägen...So sind wir Ultras eben, man verzichtet gerne und gönnt auch dem Anderen, Punkt! Und ich bereue nichts!

Anschließend ging es unter die unglaublich wohltuende Dusche, welch ein Genuss!! Als ich mir die Füße betrachtete wurde mir auch so einiges klar, oh mein Gott!
Mein Schatz räumte derweil schon einmal alles ins Auto, Mensch, wenn ich sie nicht hätte, ich glaube mit meinen Füßen hätte ich dafür Tage gebraucht.

Dann kam die Siegerehrung, bei der dann Gernot und ich gemeinsam auf dem 2. Platz standen, ein tolles Gefühl.
Völlig platt war ich dann als ich hörte, dass ich doch tatsächlich mit der LG DUV Mannschaftsmeister wurde, unfassbar, Gold und Silber an einem Tag - und das - wo ich doch mit überhaupt garnichts gerechnet hatte, Wahnsinn!

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Ich hätte niemals im Leben damit gerechnet, auch nur eine Medaille erringen zu können, weder hier, noch bei einer andern Meisterschaft - und jetzt das!
Aber das zeigt auch - ein 24-Stundenlauf ist lang und abgerechnet wird erst am Schluss - kämpfen und durchhalten lohnt also immer!

So endete dann eine wunderbare Veranstaltung, die ich wohl in jeder Hinsicht niemals mehr vergessen werde.

Danke den Veranstaltern, allen Helfern, den wunderbaren Teilnehmern, der DUV und natürlich meinem Schatz für dieses tolle Event!

Manchmal kommt eben alles anders als gedacht...

Platzierung Steffen:

Gelaufene Distanz: 176,383 Km, neue PB
Gesamtplatz 23
2.Platz und damit Vizemeister in der AK M40
1. Platz und damit Deutscher Meister mit der Mannschaft der LG DUV